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SUSANNE WEDEWER-PAMPUS 

Text on the exhibition project  TABLESCAPES 2023 LINK  

 

Vexiere – und dieser Einstieg in die Arbeiten von Brigitte Dunkel mag zunächst irritieren – sind Geduldspiele, die funktionieren, die aufgehen nur dann, wenn wir unerwartete Lösungen zulassen, neue – äußere – Erscheinungsformen zu denken bereit sind. Dass Brigitte Dunkel Vexiere sammelt und sie auch als Abbildungen für die Broschüre zu ihrer Ausstellung hier im Kunstverein Leverkusen gewählt hat, ist kein Zufall. Wir finden diese in der gesamten Ausstellung als digital prints, in Zeichnungen, Malereien, als displays. Sie bilden, im übertragenen Sinn, den Schlüssel zum künstlerischen Denk- und Formenkanon von Brigitte Dunkel, in dessen Zentrum seit langem die Hinterfragung normativer Darstellungsweisen und Begrifflichkeiten vor allem des Weiblichen stehen. Eine Thematik, die sie seit 2012 im Zusammenhang ihres Langzeitprojektes POWDER ROOM mit einer Reihe installativ und medienübergreifend angelegter Einzelausstellungen verfolgt, auch mit TABLESCAPES.

Beginnen wir bei dem Titel TABLESCAPES, „Tischlandschaften“. Er bezeichnet (im engl. Original) die „dekorative“ Anordnung einzelner Objekte auf einem Tisch, auf dem sie vor uns liegend zur Betrachtung ausgebreitet sind – und im übertragenden Sinn auch im Raum, wo wir uns körperlich zwischen ihnen, ihrer sorgfältig durchdachten Anordnung folgend, bewegen, sie durchschreiten, durchmessen, Teil werden. So klingt in diesem Titel bereits jener Wechsel von Perspektiven mit, von Blickwinkeln, der für das Werk von Dunkel so entscheidend, so prägend ist.

„Wir haben es zu tun mit Oberflächen, Farben, Materialien, mit Modifikationen, Verlockungen, Irrführungen und einem Aufbrechen scheinbar sicherer Abgrenzungen von Malerei, Fotografie, Skulptur. Bedeutungsebenen werden vermischt und verwischt, scheinbar sichere Präsentationsgewohnheiten kippen im buchstäblichen Sinn in die Schieflage des bloß angelehnten, abgestellten und ungesicherten. Improvisation und Perfektion verbinden sich zu einer Allianz des Augenblicks, versuchen die Formulierung einer unsicheren, ungewissen, in der Tat zeitgenössischen Form von Schönheit, die sich als angreifbar, flüchtig und anfällig für Zerstörung erweist.“ So beschreibt Brigitte Dunkel ihr Projekt POWDER ROOM, im Englischen das Synonym für Waschraum, Damentoilette, letztendlich für einen Raum des sich Schminkens, sich Zurechtmachens, für Verwandlung und Spiel. Ein idealer Oberbegriff für ihre konstante Befragung von Geschlechteridentität, von Rollenzuschreibungen und gesellschaftlichen Normen, von dem Konzept der Identität und Ästhetik des Weiblichen.

Ihre Inszenierungen dazu betreten wir wie ein Film-Set, für das in Leverkusen ein auf die Räumlichkeiten ausgerichteter Lightroom und ein Darkroom aufgebaut worden sind – eine Gesamt-Installation aus Zeichnungen, Fotografie, Malerei, von Videoarbeiten, digitalen prints und displays, von textilen Hüllen und „Drag Dolls“. Von Bildmaterial, sogenanntem „found footage“ aus Kunstgeschichte und Medien, dass sie, wie sie sagt, „durch die digitale Mangel dreht.“ Wir begegnen Abwandlungen unter anderem der berühmten „Retrospective Bust of a Woman“ von Salvadore Dali als auch dem Gesicht von Elizabeth Short, die als „Black Dahlia“ einen der berühmtesten Mordfälle Nordamerikas der 1940er Jahre betitelt. Brigitte Dunkel zitiert diese Bildbeispiele und -bezüge als Manifestationen letztlich eines tradierten, sich hartnäckig behauptenden Bildes der Frau primär als Objekt, denn als Subjekt, als Femme fatale, als Göttin, Dämonin und immer als Projektionsfläche, nie als ein reales Gegenüber. Auftreten, Kleidung, Äußeres galten und gelten dabei als entscheidendes Kriterium, werden als weit mehr denn als spielerische Hülle interpretiert und gedeutet. Für die Künstlerin indes ist dieses Äußere wandelbar, unterstreicht, betont, verdeckt, überlagert lediglich den, wie sie sagt, inneren Kern, den jeder für sich jenseits gesellschaftlicher Normen formen kann, und vor allem können sollte.

Ihre vielschichtigen Arrangements sieht sie – mit den dazu gehörenden Begleitveranstaltungen – als Angebote, unseren oft normativen Blick auf das Weibliche sowie auf die Geschlechteridentitäten zu hinterfragen, zu überprüfen. Als Aufforderungen, hinter den Vorhang zu schauen vielleicht auch unserer geheimen Sehnsüchte, unserer Abgründe und Vor-Urteile. Dabei schafft sie, so Harald Uhr, „… in ihren Installationen rätselhafte Beziehungen zwischen Objekten und Formen, die in einem Schwebezustand zwischen der Repräsentation einer subjektiven und facettenreichen Realität und einer künstlerischen poetischen Abstraktion verharren. So werden Spannungsmomente erzeugt, die zunächst verstören und beunruhigen und mehr Fragen aufwerfen als Antworten liefern.“

Und doch fügen sich schließlich wie in einem Vexierspiel die einzelnen Teile auch in TABLESCAPES zu einer temporären Ausgangs-Form, die weitere Sicht- und Denkweisen in sich birgt und die wir mit ein wenig spielerischer Geduld entdecken und zutage fördern können.

Susanne Wedewer-Pampus, May 2023

 

HARALD UHR 

Exhibition introduction on the occasion of the opening  MAKE UP your mind, 2015 LINK

 

…… Auf den ersten Blick wirkt das Ausstellungsambiente wie aus einem Guss. Alles, was wir hier zu sehen bekommen erscheint aufeinander abgestimmt, obwohl wir es, wie der Pressetext besagt, mit einer Werkauswahl des langfristig verfolgten Projekts „POWDER ROOM“, realisiert in unterschiedlichen medialen Umsetzungen als Digitaldruck – dreidimensionales Objekt, Malerei – Collage – Textilarbeit – Video zu tun haben. Und ein genauerer Blick auf die Exponatenliste gibt darüber Aufschluss, dass wir zwar überwiegend neuere und neueste Arbeiten der Künstlerin zu sehen bekommen, durchaus aber auch deutlich ältere Werke in das homogen erscheinende Ganze integriert sind.

Bei längerem Verweilen hier in den beiden hergerichteten Räumen beschleicht uns vielleicht sogar die Vermutung, dass die Ausstellung es nicht beim Herzeigen oder Inszenieren diverser Objekte, Bilder und Filme belässt, sondern einen weit darüber hinaus ausgreifenden Anspruch erhebt. Die Exponate sind sicherlich ein Teil der Ausstellung, mit Sicherheit auch ein sehr gewichtiger Teil. Aber doch eben nur ein Teil. Auf den gedruckten Einladungskarten finden Sie ein umfangreiches sogenanntes „Rahmenprogramm“ zur Ausstellung aufgelistet: von einem Künstlergespräch, einer Lesung, einem DJ-Set ist dort die Rede. Performative Auftritte werden genannt. Auch die Tatsache, dass ich hier vor Ihnen stehe und zu Ihnen spreche, darf getrost als Teil der Ausstellung betrachtet werden, ist es doch heutigen Tags, eher ungewöhnlich, dass im Rahmen einer Galerieausstellung eine einführende Rede gehalten wird. Das Rahmenprogramm ist demnach vielleicht nicht bloß rahmende Zutat, sondern elementarer Bestandteil der Szenerie, ja komplettiert diese eigentlich erst.

Wenn wir den Radius sogar noch etwas weiter spannen, werden Sie ganz richtig vermuten, dass auch Sie hier als Besucher und Besucherin, als Betrachtende und Zuhörende zu einem gewichtigen Teil des Ausstellungsarrangements zu rechnen sind. Nicht als Konsumenten werden Sie hier angesprochen, sondern als unverzichtbare Adressaten des Ganzen. „MAKE UP your mind“ –schon der Titel der Ausstellung enthält schließlich einen Appell.

Ins Blickfeld gerät dabei der kontingente und schwer zu erfassende Bereich der Wirkungen und Effekte, die Kunst situativ, d.h. bezogen auf einen räumlichen und diskursiven Kontext, sowie relational, d.h. in Bezug auf ihre Betrachter hervorbringt. Dunkel folgt dabei einer seit längerem vorherrschenden Tendenz zur Entgrenzung und Hybridisierung der Medien, die Psychologisierung der ästhetischen Wahrnehmungserfahrung, das im Werk selbst reflektierte und offensiv inszenierte Verhältnis von Werk und Betrachter. Keine persönliche Handschrift drängt sich auf. Nicht der Gestus oder der Stil gewährleistet die Zuordnung, sondern die virtuose Auswahl der Motive und deren Einbindung in einen bildnerischen Kosmos.

Sorgfältig arrangierte Objekte werden ergänzt durch begleitende Texte und Bücher. Aufgerufen werden diverse zeitgemäße Tropen – performative Objekte, die Erotik der Verführung, das Archiv, ein Neuer Materialismus vielleicht, Information als Ornament oder instabile Subjektivität. Die Installation lässt durchscheinen, dass ihr eine Untersuchung vorangegangen ist, es bleibt jedoch dem Betrachter überlassen, die Fäden miteinander zu verbinden.

Der Spiegel fungiert bei Dunkel dabei als ein drittes oder viertes Auge, das den Blick öffnet, ihn multipliziert und immer wieder neue Brechungen hervorbringt. Ihre Ausstellung kann gleichsam als Diskursraum wahrgenommen werden. Die Arbeiten zeichnen einen Weg nach, der von Skepsis, Rückbesinnung und steter Suche erzählen. Der sogenannten Wahrheit der Fotografie etwa setzt Brigitte Dunkel die visuellen Versatzstücke des Unbewussten entgegen. Eine neue, bedingungslos selbstbezogene Wirklichkeit entsteht.

Wir stoßen in diesem Parcours auf visuelle Gesten aus massenkulturellen, subkulturellen und künstlerischen Beständen, die recht präzise sein können und vor allem massiv den Verlust anderer Situierungen kompensieren. Es handelt sich um künstlerische Bemühungen zwischen politischer Deutlichkeit und einem narzisstischen Wunsch nach einer ebenso schönen wie richtigen Position. Schließlich ist die Lust am Schönen nichts anderes als die Lust an uns selbst. Dieses Projekt hat den Vorteil, dass die Verständigungsvorgänge hierüber überhaupt initiiert werden können. Die Suche nach Gegenmodellen. Das augen-scheinliche Interesse am Surrealismus etwa folgt dabei der Logik der Beobachtung, dass dieser sich nicht dafür interessiere, den Verstand zu verlieren, sondern für das, was der Verstand verloren habe.

Bei ihrer Suche nach Grenzerfahrungen, ihren Aktionen an der Schwelle zum Unbekannten, dem Ausloten der Schnittstellen von Kunst und Gefühl, Freiheit und Angst, Schönheit und Schmerz, lässt Dunkel sich von der Einsicht leiten, dass uns unsere innere Natur nie als solche transparent ist. Vielmehr erscheint sie uns zugänglich nur im Modus des Ereignisses. Daher kennzeichnet die künstlerische Welterfahrung von Brigitte Dunkel stets das Einbeziehen von Handlungen und Aktionen. Aus einer vorbehaltlos kreativen Wahrnehmung erscheint der charmant wie akribisch erzeugte Kreislauf des Lebens in all seinen ereignishaften Segmenten als ein unablässiger Prozess, in dem lustvolle Heiterkeit und elementares Wissen von der existenziellen Vielfalt der Welt miteinander verschmelzen.

Mit ihren performativen und filmischen Raumbesetzungen nähert sich die Künstlerin dabei vornehmlich dem eigentlich relevanten Raum an, dem Beziehungs- und Resonanzraum zwischen den Menschen. Vor diesem Hintergrund erscheint es mehr als plausibel, dass die Beschäftigung mit den Zwischenräumen im Fokus von Dunkels künstlerischen Grundlagenforschung steht. Befragt wird etwa das Niemandsland zwischen Innen und Außen, zwischen öffentlichem und privatem Raum, zwischen gesellschaftlicher Relevanz und individuellem Standpunkt. Die Kunst operiert in den Verhältnissen, in die sie eingelassen ist.

Nicht mehr das abgehoben teilnahmslose und ironische Spiel mit Zitaten aus dem Zettelkasten abgelegter und verbrauchter Welterklärungsmodelle steht auf der Agenda. Vielmehr eine Neubefragung überkommener und wieder zu entdeckender Bilder und Handlungsoptionen, die mit dem eigenen Körperempfinden im gesellschaftlichen Raum des Hier und Jetzt abgeglichen werden. Als Gradmesser dient eine Dringlichkeit des Anliegens, neue Akte der Selbstbestimmung, neue Justierungen der Gestaltungsmöglichkeiten eigener Lebensentwürfe anzustoßen. Hinter der Anschmiegung an Vorhandenes und Bekanntes setzt daher auch bei Brigitte Dunkel eine präzise Bildformung ein, deren Spiel mit der Wirklichkeit weder einfache Wiederholung noch eindeutiger Kommentar ist. Vielmehr gilt es, Irritationen und Störungen für das Überleben produktiv nutzbar zu machen.

Jenseits von Diskursivität und Regelsystemen und jenseits bloß intellektueller Intuition entwirft Dunkel ein Zeichen- und Begriffssystem, das aus der Innovation einer abschweifenden und spekulativen Sprache lebt.

In ihrer distanzierten Kargheit operieren die Bilder und Objekte mit einer poetischen Verdichtung und weisen die Künstlerin als Seismographin für jenen zeitgemäßen Bewusstseinszustand aus, der sich dem Rätsel verschrieben hat, um über die Magie der Niederschrift das Verborgene und Vergessene wie ein Orakel zum Sprechen zu bringen. Die Erregung vor dem Unfassbaren wie die Anspannung selbst scheinen in den fragilen Gebilden gespeichert. Ein Wille zur Gestaltung jenseits medialer Logik durch das Abenteuer des immer neuen formalen Handelns schreibt sich in die Bildwerke und ihrem Arrangement ein. In dieser direkt energieschaffenden Grundhaltung ist bei Brigitte Dunkel ein instinktiver Drang zur Anhäufung, zu einer Überfülle von in den Raum ausstrahlenden Zeichen zu erkennen, der dem Ort der konkreten Erfahrung den vitalistischen Ansatz ihrer Gestik aufprägt und ihre Objekte mit starker Emotionalität befrachtet.

 

Brigitte Dunkel schafft in ihren Installationen rätselhafte Beziehungen zwischen Objekten und Formen, die in einem Schwebezustand zwischen der Repräsentation einer subjektiven und facettenreichen Realität und einer künstlerisch poetischen Abstraktion verharren. So werden Spannungsmomente erzeugt, die zunächst verstören und beunruhigen und mehr Fragen aufwerfen, als Antworten liefern.

 

Das Ausstellungsdisplay entwickelt sich nicht linear, sondern in verzweigten und untereinander vernetzten Episoden, es wächst in Zeit und Raum und folgt somit keiner klaren Chronologie. Dunkel begreift die Welt, die menschlichen Beziehungen als „Ensembles“, als veränderliche Konstellationen von Wahrnehmung und Reflexion, von Normen, Geschichten, Emotionen und Theorien. Auf den ersten Blick handelt es sich um rätselhafte Gebilde mit unklarer Formenstruktur. Auf den zweiten Blick erkennt – oder vorsichtiger formuliert, erahnt – man ein komplexes System von bildimmanenten Relationen auf verschiedenen Ebenen. So ist die Form der Ensembles zwar offen und mehrdeutig, doch nach einem bestimmten Ordnungs- und Verweissystem organisiert. Ihr prozesshaftes Arbeiten, das Reproduzieren, Anbauen und Wiedereinbauen bringt es mit sich, dass die Komplexität ihrer Arbeiten kein fester, einmal erreichter Zustand ist, sondern sich ständig verändert. Auf spielerisch-kreative Weise erkundet Brigitte Dunkel somit die poetischen Freiräume unserer durch technische Medien normierten Bildwelten, ohne dass diese sich in jedem Einzelfall einer ‚Plausibilitätskontrolle’ durch den Betrachter unterziehen lassen.

Es geht um Be- und Entgrenzung, der Grenze zwischen Innen- und Außenwelt, um die Notwendigkeit einer Grenzziehung, um die Entgrenzung traditioneller Zeichensetzung. Die Arbeiten werden nicht verstanden als Technik, die lediglich einen Gedanken abbilden, sondern als unterschiedliche Wege, die simultan einen Raum für Gedanken öffnen, das Erlebnis von Bildersprache als ein Raum des Versprechens, als Botschaft, als Verheißung von Bedeutung vermitteln.

 

Mit ihrer Aufwertung des Daseins wirbt Dunkel für eine intensivierte visuelle Wahrnehmung der Welt, um damit die Grenzen der menschlichen Bedingtheit weiter hinauszuschieben und den Raum der menschlichen Freiheit zu erweitern.

Harald Uhr, October 29, 2015

 

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